Schon wieder ne Kritik…

http://www.fnweb.de/nachrichten/kultur/20111117_mmm0000002484236.html

Frech, frivol, provokant und sehr lebendig

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Kein Kind von Traurigkeit ist Hanna Glawari, „Die lustige Witwe“ von Operettenkönig Franz Lehár, die trotz ihrer über 100 Jahre auf dem Buckel äußerst lebendig und agil auf der Bühne des Mainfranken Theaters Würzburg die Besucher verzaubert.

Die von vielen berühmten Sängerinnen interpretierte Rolle der Hanna Glawari singen in Würzburg Karen Leiber und Barbara Schöller. Am Premierenabend verkörpert die Sopranistin Karen Leiber die beispiellose Karriere eines Sterntalerkindes zur Millionärin, die auf der Suche nach wahrer Liebe nach Jahren wieder den Mann trifft, den sie eigentlich immer noch liebt.

Stimmlich brillant gibt Peter Schöne den Grafen Danilo Danilowitsch, dessen Familie ihn aus Standesdünkel daran gehindert hatte, das damals noch arme Mädchen Hanna zu ehelichen. Diese angelt sich dann später einen reichen, kurz danach verstorbenen Bankier, vergisst ihre Jugendliebe aber nie.

Mondän und weltgewandt, doch zugleich sentimental-verletzlich überzeugt Karen Leiber als Hanna; ihr mit unfassbar weichem Timbre vorgetragenes Klagelied „Vilja, o Vilja“ brachte einen Moment des Innehaltens in einer ansonsten frech-provokanten und ironischen Inszenierung von Jürgen R. Weber. Bereits zum Abschluss seines Regiestudiums bei Götz Friedrich in Hamburg hatte der Gastregisseur eine höchst eigenwillige Neufassung dieser Operette inszeniert.

Zum Fortgang der Geschichte: Die schwerreiche Witwe kann es fast nicht ertragen, dass Danilo sie zurückstößt. Doch dieser will sich nicht dem Vorwurf aussetzen, Hanna nur wegen ihres Geldes zu lieben. Eben diese Ehe stiften will aber Baron Mirko Zeta, gesungen von David Hieronimi, auf einem Maskenball in der Botschaft des Kleinstaats Pontevedro, der damit vor dem Staatsbankrott gerettet werden soll.

Wie Hanna und Danilo finden beim Tanz der Grisetten auch Camille (ein überzeugendes Debüt von Tenor Joshua Whitener) und Valencienne (umwerfend präsent: Anja Gutgesell), die Frau von Baron Zeta, zueinander. Dies bleibt dem wütenden Baron nicht verborgen, doch Hanna gibt sich als Verlobte des Camille aus.

Der Rollentausch lässt Hanna, die als selbstbewusst agierende „Power-Frau“ jederzeit die Fäden in der Hand behält, die Liebe von Danilo erkennen. Zum großen Finale und Happy End geht es dann ins Maxim, wo „Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen“ und mit „Ja, das Studium der Weiber ist schwer“ die Magie der starken Frauen beschworen wird.

Die Inszenierung lässt sich mit einer pfiffigen, zum Bühnenbild passenden Videoprojektion über der Bühne nicht die Gelegenheit entgehen, abwechselnd einen das Geschehen mit rollenden Augen verfolgenden Großfürsten oder als Staatswappen einen gefledderten, sich ab und zu kratzenden Pleitegeier zu zeigen und nebst fetten Schlagzeilen à la „CSU warnt vor Weiberquote auf Männerklos“ oder „Die CSU warnt vor zu viel Warnungen“ in den Gazetten auch die höchst aktuelle Griechenland-Krise in Erinnerung zu rufen.

Hintergründige Botschaften des Kanzlisten Njegus, gespielt vom Regisseur, und von anwesenden Diplomaten, die das Geschehen am Bühnenrand kommentieren, tragen zum vergnüglichen Abend bei.

Nicht ironisch zu verstehen ist etwa der Hinweis, dass die USA im Grunde noch höher verschuldet sind als dieses kleine Balkanland. Zum Schlussgesang mit allen Mitwirkenden gibt der Regisseur am Pult einen überdrehten Dirigenten ab, dem das glänzend aufgelegte Philharmonische Orchester in einem irrwitzigen Tempo folgt. Unauffälliger aber nachdrücklicher hat der Erste Kapellmeister Andrea Sanguineti seine Musiker im Griff.

Auch die Souffleuse verfehlt nicht die ihr zugedachten Auftritte. Was zur Inszenierung gehörte oder nicht, ist nicht immer eindeutig erkennbar. Gerade hat etwa das Videobild noch eine restliche Spielzeit von 13 Minuten bis zur Pause verkündet, als aus der zweiten Reihe im Zuschauerraum ein älterer Herr von helfender Hand begleitet ins Foyer wankt. Unkonventionell und gerade noch jugendfrei sind die Bühnenbild-Zeichnungen von Hendrik Jonas. Anspruchsvoll und ästhetisch brillant von Anna Vita choreographiert bringt das Ballettensemble als anmutige Grisetten und federnde Bodyguards Bewegungsnummern fern jeglicher platter Walzerseligkeit. So folgt man ihnen gern zum leicht frivolen Stangentanz ins Maxim. Schließlich sind wir in der Stadt der Liebe und nicht in Würzburg, „dem Weinfass an der Autobahn“. Dass zum Schluss die Mitbewerber um Hannas Gunst in einem Blutbad das Zeitliche segnen müssen, mindert nicht im Geringsten das Vergnügen an den vorausgegangen musikalischen und tänzerischen Höhepunkten. Der von Markus Popp einstudierte Chor mit solistischen Einsätzen von Kenneth Beal als Raoul de St. Brioche und Tobias Germeshausen als Vicomte Cascada wusste wieder gesanglich und auch szenisch zu gefallen. Chor und Ballettensemble fügten sich spielerisch-leicht in das Regiekonzept ein.

Mit musikalischer Unterstützung schraubte das Premierenpublikum, das sich nur ein wenig „Lärm“ für den Regisseur leistete, den kräftigen Applaus auf mehr als eine Viertelstunde.

Weitere Vorstellungen sind am 19., 24. und 27. November. (Kartentel.: 09 31/39 08-124) ferö

Fränkische Nachrichten
17. November 2011

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Über Jürgen R. Weber

Jürgen R. Weber wurde in Hamburg geboren und wollte in jungen Jahren Heldentenor werden. Da er aber Bariton und zudem sängerisch unglaublich unbegabt war, studierte er bei Götz Friedrich Musiktheater-Regie. Nachdem er das Studium mit einer etwas exzentrischen, eigenen Fassung von “Die lustige Witwe” abgeschlossen hatte, komponierte er Musik für Werbefilme (”Tesakrepp Fensterdicht”). Für eine freie Gruppe schrieb und inszenierte er die Biopera “Die Rose des Himmels” über das Leben von Claudio Monteverdi. Dann wandte er sich dem Fernsehen zu um dort keine Opern sondern Seifenopern wie “GZSZ” und “Sturm der Liebe” zu spielleitern. Verschiedenen Arztserien diente er als Regisseur und Autor und auch das Serienentwickeln, (”Verliebt in Berlin”), konnte er nicht lassen. Daneben frönte er auch dem pädagogischen Eros und war u.a. Dozent für Regie an der Universität der Künste Berlin. Nach verschiedenen Kinderserien (”Die Graslöwen”, “Siebenstein”, “Löwenzahn reloaded”) zog es ihn schließlich wieder unbarmherzig zum Musiktheater und er inszenierte in Erfurt “Die Leiche im Sack”, in Leipzig “Der Graf von Luxemburg” und in Chemnitz die „Rose vom Liebesgarten“.Er inszenierte „Robin Hood“ in Erfurt „Die Lustige Witwe“ in Würzburg und „Swanhunter“ in Chemnitz. 2013 übernahm er bei der erfolgreichen Uraufführung von "MOLLY EYRE", von Tamsin Kate Walker die Regie und Ausstattung. Er arbeitet an der Musik und dem Libretto der Musicals "OKTOBERFEST" und "4Groschenoper". Außerdem schreibt und komponiert er regelmäßig für seine Zombie-Oper "WTF or a male feminists rape fantasy", vom dem Teile im September 2012 im Ballhaus Rixdorf in Berlin aufgeführt wurden. Bei der Inszenierung von DER TRAUM EIN LEBEN 2014 an der Oper Bonn war er nicht für die Regie verantwortlich, sondern übernahm auch die Rolle des "Mannes vom Felsen". Danach inszenierte er dort DIE WINTERREISE und HOLOFERNES. In Oldenburg inszenierte er HERCULES. Dabei übernahm Jürgen auch Bühnenbild und Kostüme. 2017 inszeniert er bei den Domstufenfestspielen Erfurt IL TROVATORE von Giuseppe Verdi. 2018 wird er die von ihm und Charles Hart geschriebene Oper MARX IN LONDON in Bonn inszenieren.
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